Bernd-Peter Lange, Medienkompetenz im Zeitalter globaler Kommunikation
Wie läßt sich die europäische Informationsgesellschaft politisch gestalten?

Policy Paper 11 der Stiftung Entwicklung und Frieden

Die zunehmenden ökonomischen, technologischen und zum Teil auch politischen Globalisierungsprozesse seit den 80er Jahren bedeuten für nahezu alle Weltregionen einen dramatischen Umbruch. Der Fall der Berliner Mauer und die Auflösung der Sowjetunion haben diese Entwicklungen noch in vielfältiger Weise verschärft. In den Ländern der Europäischen Union ist eine besonders vielschichtige Entwicklung zu beobachten, der hier unser besonderes Augenmerk gilt: Durch die Anwendung neuer Informations- und Kommunikationstechniken wurden extreme Produktivitätssteigerungen ausgelöst - insbesondere im Dienstleistungssektor. Außerdem ist hierdurch der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft beschleunigt worden. Eine zusätzliche ökonomische wie institutionelle Dynamik ist durch die Verwirklichung des gemeinsamen europäischen Marktes entstanden. Schließlich müssen existierende und neue institutionelle Arrangements der fortschreitenden europäischen Integration und dem gesellschaftlichen Wandel gerecht werden.

Globalisierung der wirtschaftlichen Prozesse - zum Beispiel des Börsengeschehens - führt zugleich zu einer stärkeren 'Rückbesinnung' auf die Regionen und die kulturelle Identität in ihnen. Hier liegt der große Reichtum Europas, der durch Vernetzungen und neue Techniken besser veranschaulicht werden kann. Europa hat das kulturelle Potential, im Entwickeln audiovisueller Angebote bis hin zur Marktreife, im content mining und im content enrichment für Aus- und Weiterbildung, für Kunst und Literatur, für Beruf und Freizeit etc. führend zu werden.

Die Länder der Europäischen Union befinden sich auf dem Weg zu einer europäischen Informationsgesellschaft. Mit diesem Begriff ist natürlich nicht die vollständige Ausrichtung von Produktion, Dienstleistungen und Ausbildung auf neue Informations- und Kommunikationstechnologien gemeint. Wohl aber bezeichnet er eine veränderte Art der Güterherstellung, der Leistungserbringung und des Lernens. Die Informationsgesellschaft verspricht erhöhte Effektivität, Mobilität und Qualität. Doch zugleich sind die Verheißungen der Informationsgesellschaft noch recht diffus und ambivalent. Denn zunehmende Vernetzung, Produktivitätssteigerungen und die Verwendung modernster Technologien gehen einher mit großer Arbeitslosigkeit und der kontroversen Diskussion um die Perspektiven des Sozialstaates. Alle Politikebenen - Europäische Union, Nationalstaaten, Bundesländer - sind vor diesem Hintergrund gefordert, Antworten auf das sich abzeichnende 'Zeitalter globaler Kommunikation' zu finden.

Dabei geht es zum einen darum, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Gesellschaften zu fördern, ohne die positiven kulturellen und politischen Traditionen zu nivellieren. Mit anderen Worten: Wie läßt sich die Industrie- und Wirtschaftspolitik so regeln, daß Innovation gefördert, zugleich aber auch europäische Kulturen erhalten und fortentwickelt werden können? Zum anderen kommt der bewußten politischen Gestaltung der Medienlandschaft eine zentrale Bedeutung zu. Staatliche Regulierung sollte nicht nur einen breiten Zugang zu neuen Medien garantieren, sondern auch die zentralen Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei der Herstellung von Öffentlichkeit und von qualitativ hochwertiger Information und Unterhaltung stärken. Gleichzeitig sind die Funktionen des Staates neu zu bestimmen auf dem Weg vom 'fürsorgenden Staat' hin zum Staat, der individuelle Kompetenzen fördert.

Im Mittelpunkt der Bemühungen müssen zuallererst das Wohl der einzelnen Menschen und ihre Entfaltungsmöglichkeiten stehen. Viele Menschen sind durch die Umbrüche verunsichert, suchen nach Orientierungen und fragen, was auf sie zukommt und was von ihnen verlangt wird. Sie wollen ein menschenwürdiges Leben mit erfüllender Arbeit, mit einem akzeptablen Einkommen und in Sicherheit vor Gewalt und Diskriminierung führen. Ist ihnen dies auf dem weiteren Weg in die europäische Integration in Aussicht zu stellen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen und zu welchen Kosten? Individuelle Medienkompetenz ist hierbei ein Schlüsselbegriff. Er enthält nicht zuletzt die Frage nach neuen Bildungserfordernissen. Nur dann, wenn die Bürger Europas für die Herausforderungen unserer Zeit gewappnet sind, können wir gemeinsam die Chancen der Informationsgesellschaft realisieren und ihre Risiken minimieren.

I. Weltweite Telekommunikation und globale Medienmärkte: Politische und gesellschaftliche Herausforderungen

Die vielbeschworene Globalisierung muß in vielen Bereichen wie ein 'Mythos' zur (vermeintlichen) Erklärung ökonomischer wie gesellschaftlicher Phänomene herhalten. In den Bereichen Telekommunikation und Medien läßt sich jedoch tatsächlich eine geradezu dramatische Veränderung konstatieren, die ihren Ausgangspunkt in Nordamerika und Europa hat und zunehmend auch die anderen Weltregionen erfaßt.

Auf technischer Ebene gibt es einen klaren Trend zur weltweiten Vernetzung über ausgebaute Telekommunikationsinfrastrukturen (Telefon, Fax, e-mail, Satellitenfernsehen) und durch neue Informations-, Kommunikations- und Dienstleistungsangebote (Internet und online-Dienste). Gleichzeitig führt die Digitalisierung nicht nur der Telekommunikation, sondern auch der Rundfunkangebote (Hörfunk und Fernsehen) zu einer Konvergenz der Kommunikationsinfrastrukturen: Die Telekommunikation kann über die Sprach-, Text- und Datenkommunikation hinaus auch für Videoübertragungen genutzt werden. Fernsehen am Computerbildschirm ist ebenso machbar wie Internet-Surfen vom Fernseher aus. Gleichzeitig ist die jeweils verfügbare Zahl von Fernsehkanälen exponentiell angestiegen. Damit gibt es neben der Vielfalt von Presse- und Buchinformationen potentiell einen erhöhten Zugang zu weltweit verfügbarem Wissen in allen Formen der Medien: vom Bild in der Kunst über die Graphik zum Fernsehbild, vom wissenschaftlichen Text über ein kompliziertes Zahlenwerk bis zur historischen Schilderung, der literarischen Erzählung und der aktuellen Nachricht oder einem interaktiven Spiel.

Die Verteiltechniken Kabel und Satellit im Fernsehsektor haben insbesondere in Nordamerika einen hohen Stand erreicht: In den USA haben 67,2 %, in Kanada sogar 73,2 % der TV-Haushalte Kabelempfang; in Westeuropa liegt der Anteil zur Zeit bei 28,8% mit großen Unterschieden in den einzelnen Ländern. Beim Satellitendirektempfang liegt Westeuropa mit 16,6% vor den USA (8,6 %) und Kanada (3%). Die gewachsene Bedeutung des Internet, dem eine große Zukunft als Schlüsseltechnologie vorausgesagt wird, läßt sich ebenfalls empirisch belegen. In den USA und Kanada verfügen bereits etwa ein Fünftel der Gesamthaushalte über einen Online-Anschluß; in Westeuropa liegt der Wert bei 5 % - freilich mit klar steigender Tendenz. Weltweit wird davon ausgegangen, daß die Zahl der Internetnutzer von 89 Mio. im Jahre 1997 auf 224 Mio. im Jahr 2001 ansteigen wird. Trotz anhaltender Internationalisierungstendenzen sind insbesondere im Bereich Kabelfernsehen und Internet-Zugang die Unterschiede zwischen Nordamerika und Europa sowie auch innerhalb Europas nach wie vor eklatant.

Empfehlungen:

Die Erschließung der neuen Medienmärkte und -angebote ist eine Herausforderung, der sich in Europa die unterschiedlichen politischen Ebenen - Europäische Union, Nationalstaat, Region/Bundesland - mit einer gezielten und koordinierten Strategie stellen müssen. Als Ziel muß dabei die Sicherung des möglichst offenen Zugangs zu den neuen Medien sowohl für die Unternehmen als auch die Nutzer stehen. Zugleich gibt es einige klar abgrenzbare Regulierungserfordernisse, die durch die Gesetzgeber angegangen werden müssen: Zum einen muß angesichts gewalttätiger und pornographischer Angebote der Jugendschutz effektiver durchgesetzt werden. Hier können nur weltweite Abkommen, die auf nationaler staatlicher Seite durchgesetzt werden müssen, helfen. Zum anderen ist angesichts weltweiter geistiger Piraterie der Urheber- und Autorenschutz so auszugestalten, daß die kreativen Potentiale in den europäischen Gesellschaften nicht abgeschreckt, sondern animiert werden. Hier ist ein Vorgehen in zwei Stufen erforderlich: Erstens muß es in Europa um die Rechtsvereinheitlichung gehen, und zweitens ist in verbesserten weltweiten Abkommen der Schutz des geistigen und künstlerischen Eigentums zu sichern.

Auf wirtschaftlicher Ebene haben wir es mit der Globalisierung und Konvergenz der Medien- und Kommunikationsmärkte zu tun. Weltweit agierende Unternehmen schmieden über bisherige Länder- und Mediengrenzen hinausreichende Allianzen und Konzerne. Die Strategien von Großunternehmen wie Microsoft und Bertelsmann mögen sich in ihren Ausgangspunkten und in den einzelnen taktischen Schritten wie Akquisitionen, joint ventures oder Allianzen unterscheiden. In ihrer Stoßrichtung sind sie sich jedoch ähnlich. Es geht darum, weltumspannende, möglichst alle Stufen und Ebenen der multimedialen Verwertungskette umfassende, integrierte Unternehmen bzw. Unternehmensverbindungen aufzubauen, die in den wichtigen Schlüsseltechnologien vertreten sind.

Die Konkurrenz um Senderechte, insbesondere in bezug auf Filme und Sportereignisse, hat stark zugenommen, so daß die Preise sprunghaft gestiegen sind. Hierfür ist die fortschreitende Kommerzialisierung der Medienangebote, das heißt die Ausweitung von werbefinanzierten und Pay-TV-Kanälen, mitverantwortlich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem gesellschaftspolitischen Integrationsauftrag ist in die Defensive geraten, bzw. er muß seine Existenz angesichts der gestiegenen Flut vielfältigster Informationen und Videoangebote kommerzieller Anbieter rechtfertigen.

Empfehlungen:

Die ökonomische Vermachtung wie auch die Kommerzialisierung der Medienangebote erfordern politisches Umdenken und Handeln auf mehreren Ebenen. Die politische Öffentlichkeit muß ihr Interesse an qualitativ hochwertiger Information und Unterhaltung (neu) definieren. Dabei geht es wesentlich um eine neue Balance zwischen Marktkräften auf der einen und staatlichen bzw. öffentlich-rechtlichen Aktivitäten auf der anderen Seite. Ohne der völligen Deregulierung das Wort reden zu wollen, muß es um den Abbau des Regulierungswildwuchses sowohl in inhaltlicher als auch institutioneller Ausrichtung gehen - zum Beispiel gibt es in Deutschland allein 15 Landesmedienanstalten bei 16 Bundesländern, eine Kommission zur Ermittlung des Konzentrationsstandes (KEK), ein Bundeskartellamt, eine Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP). Darüber hinaus steht jedoch auch die Priorität von bzw. Abgrenzung zwischen Wirtschaftsrecht (insbesondere Wettbewerbs- und Antikonzentrationsrecht) und Rundfunkrecht auf der Agenda. Angesichts der rasanten technischen und wirtschaftlichen Entwicklung im Kommunikationssektor muß auch der Rechtsrahmen für private Aktivitäten fortentwickelt werden. Dabei ist auf klare geographische und inhaltliche Zuständigkeiten zu achten; zudem müssen Arbeitsteilung wie auch die institutionelle Konvergenz zwischen Regulierungsbehörden und Selbstregulierung so bestimmt sein, daß Vorgaben nicht auf einem kleinsten Nenner erfolgen und das öffentliche Interesse nicht einem vermeintlich 'freien' Wettbewerb geopfert wird.

Auf der Ebene von schulischer und beruflicher Bildung sind es nicht nur technische und ökonomische Entwicklungen, die zu einer Neuorientierung Anlaß geben. Auch die zunehmende Bedeutung des europäischen Binnenmarkts, dessen Entwicklung durch die Einführung des Euro eine zusätzliche Dynamik erhalten hat, spielt eine wichtige Rolle. Dies betrifft nicht zuletzt die Inhalte der Aus- und Weiterbildung. Die Internationalisierung und die technische Weiterentwicklung veränderter Qualifikationserfordernisse erhöhen für die Arbeitnehmer den Druck zu individueller Anpassung. Nach wie vor sind die Arbeitskräfte in Europa nicht sehr mobil, so daß auf Grund der Europäisierung der Märkte regionale und soziale Disparitäten zu erwarten sind. Infolge der Wirtschafts- und Währungsunion wird der wirtschaftliche Wettbewerb sich auf den Produktivitäts- und damit besonders auf den Bildungswettbewerb im umfassenden Sinne konzentrieren. Bildungsanstrengungen (Aus- und Weiterbildung und die Fähigkeit zum Selbstlernen) erhalten für jeden Einzelnen daher eine hervorragende Bedeutung.

Empfehlungen:

Die verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Akteure müssen sich grundlegend veränderten Prioritäten offensiv stellen. Der Wandel hat sich beschleunigt, so daß das Prinzip des lebenslangen Lernens immer bedeutsamer wird. Die neuen Zusammenhänge zwischen technischer Weiterentwicklung, wirtschaftlicher Integration und individueller Qualifikation müssen in der Öffentlichkeit transparenter gemacht und im Bewußtsein von Eltern, Jugendlichen und bereits Beschäftigten, aber auch von Arbeitslosen verankert werden. Nur so läßt sich eine größere individuelle Motivation zum allgemeinen Lernen in der Schule und zur Weiterbildung im Beruf und zum Selbstlernen schaffen. Eine Reform der Bildungssysteme ist überfällig. Sie müssen in ihrem Angebot inhaltlich auf die neuen Anforderungen umgestellt werden. Es darf dabei nicht um eine reine Anpassung an wirtschaftliche Gegebenheiten gehen. Doch führt kein Weg daran vorbei: Die Kluft zwischen heutiger und zukünftiger Berufs- und Arbeitswelt einerseits sowie den Ausbildungsgängen, Lerninhalten und vermittelten Qualifikationen andererseits muß geringer werden. Darüber hinaus muß das Lernen in den Bildungssystemen wieder stärker selbstbestimmt und projektorientiert ablaufen. Nicht allein um Wissensvermittlung geht es also, sondern um die Förderung von Kreativität und Selbständigkeit. Kurz: Lernen muß (wieder) mehr Spaß machen.

Die Politik ist gefordert, ausreichende finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Nur so können die neuen Prioritäten realisiert werden: insbesondere die veränderte Lehrerausbildung und -fortbildung, der Internetzugang für jede Klasse in allen Schulen, die Vermittlung technischer und inhaltlicher Medienkompetenz. Es handelt sich um Investitionen in die Zukunft. Denn Ziel ist es, daß die Schülerinnen und Schüler verantwortlich mit den weltweit zur Verfügung stehenden inhaltlichen Angeboten umgehen können, um sich beruflich wie auch als Bürger und Konsumenten in der Informationsgesellschaft zu behaupten. Ein gutes Beispiel aus Nordrhein-Westfalen ist das Projekt 'NRW-Schulen ans Netz - Verständigung weltweit'. Hier ist es in einer ersten Phase gelungen, in einer Kooperation von öffentlichem und privatem Sektor (public-private-partnership) 2260 der 3250 weiterbildenden Schulen des Landes mit multimediafähigen PCs und ISDN-Anschlüssen auszustatten, einen Bildungsserver, die learn line, aufzubauen und die Lehrerfortbildung auf breiter Basis zu organisieren.

II. Die Informationsgesellschaft als neue ökonomische, kulturelle und politische Realität

In der 'Informationsgesellschaft' findet berufliches, politisches und kulturelles Handeln in einem veränderten Bezugsrahmen statt. Damit ist nicht gemeint, daß alle gesellschaftlichen Prozesse nur auf Information und Kommunikation beruhen. Vielmehr finden wir nach wie vor auch in den hochentwickelten Ländern Agrar-, Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften vor. Das qualitativ Neue aber ist, daß die Gesellschaften eine evolutorische Veränderung durchmachen. Die Bedeutung von Information und Kommunikation hat besonders in ihrer technischen Aufbereitung, Vermittlung und Speicherung bei der Weiterentwicklung der genannten Wirtschaftssektoren, aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Bildung, Kultur und Freizeit, wesentlich zugenommen und wird noch weiter zunehmen.

Um es an Beispielen zu verdeutlichen: Nach wie vor ist für den Wohlstand der Bevölkerung die Produktion materieller Güter wie Nahrungsmittel, Bekleidung, Wohnungen, Verkehrsmittel etc. von grundlegender Bedeutung. Nur die Art ihrer Produktion verändert sich. Das Konzept der 'Fabrik der Zukunft' denkt die materielle Produktion von den erforderlichen Informations- und Kommunikationsprozessen her - Computer Aided Design (CAD), Computer Aided Manufactoring (CAM), neue Logistikkonzepte - und sieht die Fabrik in einem kommunikativen Netzwerk mit Zulieferern, Beratern, Banken und Kunden. Die materiellen Güter bedürfen nach wie vor der physischen Verteilung. Lediglich die Art ihrer Bestellung und Bezahlung wird durch neue Techniken verändert (electronic commerce, electronic banking).

Die Dienstleistungen - zum Beispiel im Versicherungs- und Bankensektor und in der öffentlichen Verwaltung - werden ihrem Wesen nach wie zuvor erbracht. Doch ihre Bereitstellung wird durch neue Formen (teleworking und home bzw. electronic banking) ergänzt. Ausbildung findet nach wie vor in der Schule statt, aber die Klassen werden vernetzt und erhalten multimediafähige PCs und Internet-Zugang (Schools to the Net). Auch neue Formen des distant learning sind mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologien möglich (vgl. die Konzepte 'virtueller' Universitäten und Akademien).

Der Begriff der Informationsgesellschaft ist in gewisser Weise inhaltlich verkürzt. Denn es geht um mehr, was in alternativen Begriffen wie Wissens-, Erfahrungs- oder Innovationsgesellschaft zum Ausdruck kommt. Ziel ist es, auf der Basis breitbandiger, vernetzter weltweiter Kommunikationssysteme einen ungehinderten Zugang zu möglichst vielen Informations-, Wissens- und Erfahrungsbeständen zu geben. Angesichts unterschiedlicher Ausbildungs- und Sozialisationserfahrungen, angesichts einer Vielzahl von Sprachen und vielfältiger kultureller Hintergründe, angesichts immer weiter ausdifferenzierter Produktionsprozesse darf nicht nur der Zugang zu den neuen Medien betont, sondern es muß auch die Dimension des Verständnisses und der Verständigung hervorgehoben werden. Daher wird Medienkompetenz im umfassenden Sinne zu einer Schlüsselqualifikation.

Die Verwendung des Begriffs Informationsgesellschaft dient vor diesem Hintergrund nicht nur der Beschreibung eines technologischen, ökonomischen und kulturellen Wandels, sondern beinhaltet einen normativen Anspruch und ist politisches Programm. Der normative Anspruch besteht vor allem darin, daß der Zugang für alle Bürger ermöglicht werden soll und dabei universelle Werte wie Persönlichkeits- und Verbraucherschutz sowie Presse- und Rundfunkfreiheit erhalten werden. Politisches Programm ist das hier entfaltete Verständnis von Informationsgesellschaft insofern, als es um die Vermeidung der Kluft zwischen information rich und information poor geht und der Prozeß des Wandels hin zur Informationsgesellschaft beschleunigt werden muß.

III. Der Beitrag der Europäischen Union zur Global Information Society

Auf EU-Ebene ist von der Global Information Society (GIS) für das 21. Jahrhundert die Rede. Das EU-Forum 'Information Society' hat 1998 zum Beispiel unter dem Titel 'Challenges 2025' Thesen veröffentlicht, die Herausforderungen 'On the way to a sustainable worldwide information society' skizzieren. Die Frage ist jedoch, ob Europa mit seinem großen Reichtum unterschiedlicher Kulturen und Traditionen lediglich ein 'harmonisierter' Teil dieser GIS sein wird oder ob es ein spezifisches europäisches Konzept der Informationsgesellschaft geben sollte. Anders formuliert: Lassen sich die wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten eines einheitlichen Marktes im Medien- und Kommunikationssektor und der gesellschaftspolitisch wünschbare Erhalt und die Weiterentwicklung europäischer Kulturen miteinander verbinden? Oder steht die Erhaltung und Schaffung von möglichst vielen Arbeitsplätzen in diesem dynamischen Sektor in Konflikt mit einem Konzept, das kulturelle Identität und das gegenseitige Verständnis zwischen unterschiedlichen Kulturen konsistent zusammenführt? Die Frage bleibt - und sie hat eine alte europäische Tradition -, ob es gelingen kann, verschiedene Welten miteinander zu versöhnen:

  • die Welt des Adam Smith, die an einer produktivitätsorientierten Rationalität orientiert ist;
  • die Leonardo-Welt, in der die schöpferische Kunst und Innovation im Zentrum steht;
  • schließlich die Voltaire- und Kant-Welt mit ihrer Philosophie der Aufklärung und ihren Forderungen des Humanismus, der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit.

Wenn von europäischen Kulturen die Rede ist, so ist dies im umfassenden Sinne gemeint: Wichtige Bereiche sind bildende Kunst und Musik, Literatur und Theater; demokratische Institutionen auf den verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Ebenen sowie gelebte Formen der Selbstverwaltung (zum Beispiel der kommunalen Selbstverwaltung in Deutschland) als 'Schule der Demokratie'; Bildung und Ausbildung; Konfliktlösungsmechanismen zwischen den 'Sozialpartnern' und Unternehmenskulturen, zum Beispiel die Mitbestimmungsregelungen vom Betriebsverfassungsgesetz bis zur Montanmitbestimmung; die Vielfalt von Unternehmensorganisationen, wie Genossenschaften und Vereine auf Gegenseitigkeit; Kulturen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Stiftungen etc. In diesen Bereichen hat Europa spezifische Traditionen, die erhaltenswert sind.

Europa, das schon von der geographischen Definition her schwer zu fassen ist, ist keine einheitliche Nation wie zum Beispiel die USA. Europa entwickelt sich zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum und ist von der Vielfalt der Sprachen, der Regionen, der nationalen, ethnischen und religiösen Gruppierungen und der historischen und kulturellen Besonderheiten geprägt. Gerade deshalb stellt die immer wieder notwendige Verständigung in Europa eine Herausforderung dar. Versuche, diese Vielfalt zu nivellieren, würden auf großen Widerstand in der Bevölkerung stoßen und den weiteren Prozeß der europäischen Integration und Herausbildung einer europäischen Identität gefährden.

1. Herausforderungen für die Industrie- und Wettbewerbspolitik

Gerade im Medien- und Kommunikationssektor (Telekommunikation, Datenverarbeitung, Presse, Rundfunk und Film) muß Europa in der internationalen Konkurrenz - besonders in der Triade mit Nordamerika und Südostasien - um einen Spitzenplatz kämpfen. Wenn es gelingt, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel durch die Anwendung der neuen Kommunikations- und Medientechniken mit der kulturellen Vielfalt Europas zu verknüpfen, dann können einerseits vielfältige kulturelle Traditionen und Innovationen in der Informationsgesellschaft fruchtbar gemacht werden, und andererseits wird die Akzeptanz des Weges in die Informationsgesellschaft größer.

Die EU-Kommission in Brüssel hat die Förderung der Informationsgesellschaft in einem Stufenkonzept angegangen: Am Anfang stand wirtschaftspolitisch motiviert die Förderung der Informationstechnik, dann folgten Maßnahmen zur Verbesserung der technischen Kommunikationsinfrastrukturen, die von der ökonomischen Liberalisierung des Telekommunikationssektors begleitet wurden. Die nachfolgende stärkere Gewichtung der ökonomischen Aspekte der neuen Dienste und Anwendungsinhalte der Informationswirtschaft wurden erst Mitte der 90er Jahre um gesellschaftliche und soziale Aspekte der Informationsgesellschaft erweitert.

Empfehlungen:

Wirtschaftspolitik muß die Qualifikationen für die 'Multimedia-Jobs' anbieten und fördern. Die Gründung neuer Unternehmen, die Förderung von Selbständigkeit ist unter anderem durch die Bereitstellung von Risikokapital, aber auch durch eine Kommunikationsstrategie zu erleichtern, die die Chancen und Potentiale der Informationsgesellschaft verdeutlicht. Gesellschaftspolitik muß die Wirtschaftspolitik ergänzen. Dabei sind Projekte von Bedeutung, die zum Beispiel den Jugendlichen, den älteren Menschen und den jeweiligen Minderheiten in den verschiedenen Ländern den Zugang zu Information und Kommunikation nur technologisch, sondern auch inhaltlich und kompetenzmäßig ermöglichen.

Informationstechnik und Telekommunikation stellen einen milliardenschweren Wachstumsmarkt dar. Allein in Deutschland wurde 1998 ein Umsatz von schätzungsweise 193 Mrd. DM erzielt, wobei Kommunikationsdienste und Datentechnik fast zwei Drittel des Volumens ausmachten. In den Unternehmen wird die Nutzung des Internet auf den verschiedenen Arbeitsebenen immer mehr zum Standard. Die EU hat sich vor diesem Hintergrund zunächst auf die Förderung der neuen ökonomischen Chancen in der Informationsgesellschaft konzentriert: Die Rückkehr zu wirtschaftlichem Wachstum und Prosperität soll den Zusammenhalt und die ökonomische Position der EU-Länder in der globalisierten Weltwirtschaft festigen. Dieses Ziel soll durch eine effizientere Nutzung des 'Produktionsfaktors' Information erreicht werden. Von zentraler Bedeutung sind Produktivitätssteigerungen durch Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien gerade auch im Dienstleistungssektor. Mittel dazu sind Deregulierungen und Harmonisierungen der Telekommunikationsmärkte sowie Privatisierungen der staatlichen Telekommunikationsanbieter.

2. Neue Akzente in der Medienpolitik

Seit Beginn der 80er Jahre sind verschiedene neue Akzente neben Industrie- und Wettbewerbspolitik getreten:

  • Förderung der Informationstechnik als 'Schlüsseltechnologie'.
  • Aufbau einer gesamteuropäischen Telekommunikationsinfrastruktur. Hier spielt zum Beispiel das Programm 'TEN-TELECOM Transeuropäische Netze - Telekommunikation' eine wichtige Rolle.
  • Förderung von Dienste- und Inhaltsanbietern und neuen Produktinnovationen insbesondere auch bei 'Kleinen und Mittleren Unternehmen'(KMUs). Ein Beispiel hierfür ist das 'INFO 2000 Programm'.
  • Förderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kohäsion, insbesondere zum Abbau von Disparitäten zwischen Ballungsgebieten und ländlichen Regionen, zwischen Nord- und Südeuropa etc. So werden über den ERDF-Strukturfonds (European Regional Development Fund) verschiedene Aktivitäten zur Integration regionalpolitischer Strategien durchgeführt.
  • Verbesserung von Erziehung, Aus- und Weiterbildung: Umorientierung von der Informationswirtschaft zur Informationsgesellschaft. So sollen zum Beispiel mit dem 'Joint Call Multimediale Lernprogramme' dauerhafte Kapazitäten zur Bereitstellung und Nutzung hochwertiger Produkte und Dienstleistungen für das Bildungswesen geschaffen werden.
  • Erhaltung der kulturellen Eigenständigkeit in Europa: Sie kommt zum Beispiel in der Direktive 'Fernsehen ohne Grenzen' zum Schutz europäischer Werke sowie in dem Media I- und Media II-Programm zur Förderung europäischer Filmproduktionen in der ungleichen Konkurrenz zu Hollywood zum Ausdruck.
  • Rahmenregulierungen zum Urheberrecht etc.

Eine Direktive zur Erhaltung von Informations- und Meinungspluralität in Europa (Konzentrationsrichtlinie anhand der Begrenzung von Zuschauermarktanteilen) ist bisher mangels Einigung nicht erlassen worden. Der EU-'Wettbewerbskommissar' Karel van Miert und mit ihm die gesamte Kommission ist jedoch gegen Pläne zum Zusammenschluß von Kirch, Bertelsmann und Deutscher Telekom in bezug auf digitales Fernsehen vorgegangen.

Angesichts technischer und ökonomischer Konvergenz zwischen Datenverarbeitung, Telekommunikation und audiovisuellen Medien durch Digitalisierung stellt sich die Frage nach dem zukünftigen Regulierungsregime: Soll es ein jeweils separates oder ein integriertes Wirtschafts- und Rundfunkrecht geben? Es gibt gute Gründe, eine Trennung zwischen den Übertragungsinfrastrukturen einerseits und den inhaltlichen Angeboten andererseits vorzunehmen und dementsprechend die Regulierung und die institutionellen Zuständigkeiten zu differenzieren.

Empfehlungen:

Im Bereich der Telekommunikationsnetze, den kabelgebundenen, terrestrischen und Satellitennetzen für die Telefonie, die e-mail, den Datentransfer, die Verteilung von Fernsehprogrammen als 'free'-, pay- und business-TV, entwickelt sich ein einheitlicher europäischer Markt. Hier bedarf es vor allem einer wettbewerblichen Regulierung, die Marktzugang sowohl für Unternehmen und Inhalteanbieter als auch für Nutzer sichert und alle Arten von Wettbewerbsbeschränkungen verhindert. Hierfür sollte eine starke Institution auf europäischer Ebene gebildet werden.

Im Inhaltebereich (und hier sind alle Rundfunk- und Onlinedienste gemeint) sind die Märkte noch weitgehend national - und das heißt vor allem auf Grund von Sprachgrenzen - geprägt. Hier, wo es um spezifische kulturelle Aspekte geht, bedarf es nach wie vor eigenständiger, nationaler, rundfunkspezifischer Regulierungen, deren Anwendung den entsprechenden nationalen Institutionen überlassen bleiben sollte. Die Vorschläge in Deutschland, die Medienaufsicht nach kanadischem Vorbild zu zentralisieren, gehen in die richtige Richtung. Gegenseitige Information und wechselseitiger Erfahrungsaustausch zwischen den nationalen Institutionen können dazu beitragen, eine gemeinsame europäische Rundfunkkultur zu entwickeln. Die European Platform of Regulatory Authorities (EPRA) könnte hier als Beispiel dienen. Zur Zeit umfaßt diese Plattform, die den Informationsaustausch zwischen Institutionen der Rundfunkaufsicht zum Ziel hat, 21 Mitglieder; das Sekretariat ist beim Europäischen Medieninstitut (EIM) angesiedelt. Generell sollte sich ein europäisches Konzept der Regulierung durch drei vorrangige Merkmale auszeichnen:

  • Ein auf wesentliche Elemente beschränktes, innovationsfreundliches Regulierungskonzept: Hier geht es vor allem um schnelle und transparente Zulassungsregelungen für Rundfunkveranstalter und um klare Richtlinien insbesondere, was die Trennung von Werbung/Sponsoring einerseits und Programm andererseits und was den Jugendschutz angeht.
  • Konsistente, institutionelle Arrangements sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung: Dies bedeutet einen Abbau der Behördenvielfalt und eine Zentralisierung ihrer Kompetenzen. Es ist an eine Zusammenlegung von (Teil)Funktionen der Landesmedienanstalten, wie Lizenzierung und Konzentrationskontrolle, zu denken. Auf Grund eines Staatsvertrages der Bundesländer kann eine Regulierungsinstanz für Rundfunk gebildet werden.
  • Die unzweideutige Anwendung der geltenden Regulierung: Sie ist gerade im Bereich des Jugendschutzes auch über Ländergrenzen hinweg notwendig.

IV. Politische Gestaltung der Informationsgesellschaft

1. Infrastruktur: Breiter Zugang zu neuen Medien

Die gesellschaftliche Kohäsion und die breite Akzeptanz der Informationsgesellschaft stellen sich nicht automatisch ein, wenn man die Entwicklung allein den Marktkräften überläßt. Dies zeigt sich zum Beispiel am Arbeitsmarkt: Hier gibt es eine anhaltend sehr hohe Arbeitslosigkeit, gleichzeitig aber auch eine große Zahl offener Stellen im Bereich Multimedia, weil es an den geforderten Qualifikationen mangelt. Die Bildungspolitik ist aufgefordert, dafür zu sorgen, daß auch in Haupt- und Sonderschulen ein Zugang zu multimediafähigen vernetzten Computern und zu Online-Angeboten gewährleistet wird. Denn der Prozeß der Diffusion von Internet- und Online-Angeboten wird deutlich beschleunigt, wenn der diskriminierungsfreie Zugang so umfassend und kostengünstig wie möglich gesichert wird. Social sponsoring kann helfen, in diesem Bereich für Chancengleichheit zu sorgen. Die Vermittlung von Medienkompetenz muß auf die spezifischen Bedürfnisse bisher benachteiligter Gruppen unserer Gesellschaft abgestimmt werden. Hierzu kann es hilfreich sein, die schon bestehenden Konzepte von private-public partnership weiterzuentwickeln.

Günstige Telekommunikationstarife , wenn nicht gar ein kostenloser Zugang zur weltweiten Telekommunikation (zum Beispiel durch Pool-Lösungen) für Schulen, Weiterbildungseinrichtungen, Bibliotheken und andere public service-Anbieter können diese Sozialstaatsverpflichtungen unterstützen.

Medienkompetenz hat eine individuelle, eine qualifikatorische und eine gesellschaftliche Komponente. Für die Individuen geht es um technische Fähigkeiten (Internet-Führerschein) und um inhaltliche Aspekte: Kompetenz zur Auswahl und Beurteilung von Medieninhalten für das Lernen, den Beruf, den Haushalt, die Mitwirkung in der Demokratie. Mit qualifikatorischer Medienkompetenz ist die (berufliche) Fähigkeit gemeint, Multimedia-Angebote selbst zu gestalten. Dabei ist wieder eine technische Fähigkeit zur Kombination von Wissen und Erfahrungen aus den Bereichen Datenverarbeitung, Telekommunikation sowie Film und Fernsehen erforderlich. Außerdem ist eine inhaltliche Qualifikation notwendig, um Multimedia-Präsentationen attraktiv anzuordnen und dabei alle Möglichkeiten der medialen Kombinationen und Animationen auszuschöpfen.

Gesellschaftliche Medienkompetenz meint die Fähigkeit der Gesellschaft, die Rahmenbedingungen zum Beispiel für electronic commerce und electroning banking, aber auch zum Beispiel für teleworking so anzupassen, daß das Potential weitestmöglich genutzt wird, aber die Risiken zum Beispiel mangelnder Datensicherheit minimiert werden. Angesichts der schier unübersichtlichen Daten- und Informationsflut sind public interest-Navigationssysteme und redaktionelle Aufbereitungen dringend erforderlich.

Empfehlungen:

Ein spezifisches, europäisches Konzept der Informationsgesellschaft sollte sich auszeichnen durch:

  • die Sicherung des Zugangs für alle zu den Inhaltsangeboten und den Bildungs-, Aus- und Weiterbildungsangeboten mit dem Ziel der Verengung der 'knowledge gap';
  • die Bereitstellung spezifischer Telekommunikationstarife für Schüler, Schulen usw. (europäisches Bildungsnetz);
  • die Vermittlung von Medienkompetenz in allen ihren individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen;
  • die besondere Förderung von 'public interest'-Informationsangeboten.

Ein spezifisch europäisches Konzept der Informationsgesellschaft sollte dadurch gekennzeichnet sein, daß die Anwendung der Multimedia-Technik für die Darstellung und das Verständnis von Kultur - zum Beispiel der Animation von Kunstwerken und ihrer Erschließung über Netzwerke - genutzt wird. Dabei ist darauf zu achten, daß jeweils für die Nutzer (und die potentiellen Bezahler) ein Mehrwert gegenüber bisherigen Formen der Präsentation besteht. Beispiele sind Edutainment und Infotainment, wobei durch amüsante, spielerische Aufbereitungen die Lernbereitschaft und der Lernerfolg gefördert wird.

2. Stärkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Spezifisch europäisch ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, ein redaktionell möglichst unabhängiger und wirtschaftsferner Rundfunk, gesichert durch spezifische institutionelle Arrangements und in erster Linie finanziert über die Rundfunkgebühren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wirkt identitätsstiftend und dient gerade als Forum kontroverser politischer und gesellschaftlicher Debatten der sozialen Integration. Die gesellschaftlichen Trends verweisen zur Zeit freilich eher auf weitere Differenzierungen der Lebensstile und die Betonung von Individualisierung. Gesellschaft ist jedoch mehr als die Summe der Individuen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist neben der Presse eines der wenigen großen Foren der Debatte und der Orientierung bei großen gesellschaftlichen Fragen wie Wohlstandsproduktion und -verteilung, Ökologie, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Zu prüfen bleibt, wie öffentlich-rechtliche europäische Rundfunkprogramme organisiert werden können, zum Beispiel nach dem Muster der ARD in der ARE (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Europas) als Beiträge für die Herstellung einer europäischen Öffentlichkeit.

Spezifisch europäisch ist auch die Bemühung um einen fairen Wettbewerb im dualen Rundfunksystem, das in praktisch allen europäischen Ländern verwirklicht wurde. Fairer Wettbewerb hat eine wirtschaftliche Finanzierungskomponente und eine inhaltliche, das heißt programmliche, Komponente, die aber beide nicht voneinander getrennt werden können. Fairer Wettbewerb im dualen System ist deshalb so schwierig zu definieren, weil sowohl die Finanzierungsformen (hier Gebühren, dort Werbeeinnahmen und Abonnements) als auch die programmlichen Orientierungen (hier Information, Bildung und Unterhaltung, dort vor allem massenattraktive Unterhaltung) unterschiedlich sind.

Empfehlungen:
  • Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte unter Nutzung neuer Technologien weiterentwickelt werden, da er in besonderer Weise ein identitätsstiftendes Forum für die öffentliche Debatte darstellt. Zu überlegen ist, ob europäische öffentlich-rechtliche Programme eingerichtet werden können, um den Prozeß der europäischen Integration und Identitätsbildung zu stärken.
  • Die Konkurrenz im dualen Rundfunksystem ist so zu gestalten, daß sie zu einem Qualitätswettbewerb animiert und nicht zu einer Quotenkonkurrenz um Sensationen, tatsächliche oder angebliche Skandale degeneriert. Je weiter der wirtschaftliche (Finanzierungs-)Wettbewerb im dualen Rundfunksystem entzerrt werden kann, um so mehr wird der inhaltliche (Programm-)Wettbewerb in den Vordergrund treten. Dabei muß sichergestellt bleiben, daß alle Rundfunkveranstalter alle Programmsparten bedienen dürfen, also auch weiterhin Unterhaltungs- und Sportprogramme von öffentlich-rechtlichen Sendern angeboten werden dürfen.
3. Förderung von Medienkompetenz als Aufgabe für staatliche und nicht-staatliche Akteure

Jedes Mitglied der Gesellschaft spielt ganz unterschiedliche soziale Rollen: als Bürger in der Demokratie, in der Auseinandersetzung der politischen Parteien, im Umgang mit der öffentlichen (hoheitlichen oder daseinsfürsorgenden) Verwaltung, mit der Justiz und mit den Medien, der oft so bezeichneten vierten Gewalt; als Arbeitnehmer bzw. Selbständiger in der Berufs- und Wirtschaftswelt; als Konsument und als Lernender.

Die Problemlagen im global village sind zunehmend vernetzt - man denke nur an die Interdependenzen der weltweiten Finanzmärkte. Gleichzeitig sind wir Bürger in steigendem Maße auf zuverlässige aktuelle Informationen und Hintergrundinformationen aus zweiter Hand angewiesen. Dabei folgen die Massenmedien, besonders die audiovisuellen, spezifischen Selektionsmechanismen: Sie personalisieren Konflikte und Probleme, und sie neigen zur aktuellen Skandalisierung. Die Darstellung von Strukturproblemen und von langfristigen Entwicklungen tritt dagegen in den Hintergrund. Die (begrenzte) Macht der Massenmedien liegt im agenda setting und in der Formung von Leitbildern. Die Herausforderung besteht darin, diese Zusammenhänge zu verdeutlichen. Der kritische Bürger muß in der Lage sein, die Glaubwürdigkeit der Medienpräsentationen zu hinterfragen, um sich zeitgemäße Chancen der Selbstbestimmung zu eröffnen.

Die Chancen von online-Angeboten liegen darin, daß sich die Nutzer individuell - neben Radio und Fernsehen - weltweit aus anderen Quellen ihrer Wahl direkt und umfassend informieren können. Voraussetzung allerdings ist, daß

  • die Quellen dieser Informationen transparent sind,
  • die Nutzer unterschiedliche kulturelle Hintergründe verstehen und beurteilen können,
  • sie in der Lage sind, Informationen in bezug auf ihren jeweiligen Kontext interpretieren zu können, und
  • sie medienkompetent sind.

Die Herausforderung besteht auch darin, möglichst vielen Mit- und Weltbürgern Zugang zu den weltweiten Informationsquellen zu ermöglichen und ihnen die notwendigen Kompetenzen zu ihrer Nutzung in ihrer Rolle als Bürger zu vermitteln.

Empfehlung:

Die Arbeitnehmer wie auch die Selbständigen müssen für einen europaweiten Arbeitseinsatz qualifiziert werden, der über ihre jeweilige momentane Berufstätigkeit hinausgreift. Dafür ist zu lebenslangem Lernen und Weiterbildung zu motivieren. Spartenübergreifendes Denken und Verstehen muß ebenso wie Teamfähigkeit gefördert werden - auch und gerade angesichts der Möglichkeiten des Teleworking. Es geht um nicht weniger als die Reformfähigkeit der Bildungssysteme, konkret: die Nutzung von online-Diensten in der Lehrerausbildung, in der schulischen, universitären und Weiterbildung sowie die Annäherung zwischen unternehmerischen Qualifikationsanforderungen und Aus- und Weiterbildungszielen. Um diese Ziele umzusetzen, ist die Bereitstellung finanzieller Ressourcen und das Aufbrechen noch vorhandener mentaler Blockaden von vorrangiger Bedeutung. In Nordrhein-Westfalen ist ein Europäisches Zentrum für Medienkompetenz (ecmc in Marl) gegründet worden, das sich an der Schnittstelle zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft der Förderung von Medienkompetenz in all ihren Dimensionen widmet.

4. Integrativer Ansatz erforderlich

Die Komplexität der Probleme, die mit der Entwicklung der Informations- oder Wissensgesellschaft verbunden sind, erfordert einen integrativen Politikansatz, in dem die wichtigen Querschnittsaufgaben zwischen Technologie-, Medien-, Wirtschafts-, Bildungs-, Gesellschafts- und Rechtspolitik koordiniert werden. Die wachsende Internationalisierung bedeutet nicht, daß Interessensunterschiede zwischen der europäischen und der nationalen bzw. regionalen Ebene aufgelöst werden. Dies zeigt das Beispiel der deutschen Bundesländer, aber auch anderer Regionen in Europa. Erforderlich ist daher eine Koordination zwischen regionalen, nationalen, europa- und weltweiten Entscheidungsebenen, die diese Gegensätze in rationaler Weise bearbeitbar machen.

Neue institutionelle Arrangements der Regulierung und der public-private partnership müssen entwickelt werden. Eine Politik des Laisser-faire ist dem für die Demokratie so wichtigen Kommunikations- und Informationssektor nicht angemessen. Traditionelle Regulierungsformen sind reformbedürftig, doch nicht von vornherein als überholt abzustempeln, solange kein neues, kohärentes Konzept entwickelt wurde. Der privaten Initiative müssen alle Möglichkeiten der Entfaltung insbesondere in den Feldern der neuen Medien eröffnet werden. Andererseits kann in verschiedenster Weise, zum Beispiel über public-private partnerships, auch der private Kommunikationssektor seinen Beitrag zu einer breit akzeptierten und gesellschaftlich ausgewogeneren Informationsgesellschaft leisten.

Dazu gehört auch eine möglichst offene Kommunikations- und Diskurskultur, in der kontroverse Meinungen und Einschätzungen zur Weiterentwicklung des Medien- und Kommunikationsbereichs ausgetauscht werden können. Die vor sich gehenden Veränderungen sind zu fundamental, als daß sie auf Dauer einem engeren Kreis von Experten überlassen werden könnten. In diesen Zusammenhang gehört auch die Förderung von Arenen europäischer Öffentlichkeit, in denen die Zukunft Europas stärker als bisher auch die über die Ländergrenzen hinweg und außerhalb der (politischen) Fachzirkel thematisiert wird. Hier tragen die Massenmedien eine besondere Verantwortung.

In bezug auf die Bereiche Bildung, Ausbildung und Medienkompetenz müssen die Prioritäten überprüft werden. Angesichts der Internationalisierung ist die Förderung des Erlernens von Fremdsprachen in der schulischen und außerschulischen Bildung von hoher Priorität. Unverzichtbar ist die Chance zur unmittelbaren Erfahrung durch interkulturellen Austausch und internationale Begegnung. Zunehmend breitere Akzeptanz findet auch die Forderung nach Unterstützung der Medienkompetenz in ihren drei Aspekten: berufliche Qualifizierung, individueller Zugang zu den Kommunikationsmöglichkeiten und breiter gesellschaftlicher Diskurs über die sich entwickelnde Informationsgesellschaft.

Die Ausdifferenzierung des gesamten Bereichs der Kommunikation und Information sowie die steigende Kommerzialisierung erfordern ein wachsendes Maß an Eigeninitiative und Eigenverantwortung bei den einzelnen Menschen. Medienkompetenz ist ein Weg auch zu bewußter Selektion aus dem enorm wachsenden Angebot. Je 'medienkompetenter' die Bürger sind, um so stärker kann sich der regulierende Staat selbstbeschränken. Maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz sollen außerdem dazu beitragen, der drohenden Verschärfung der Kluft zwischen denjenigen, die aufgrund von Bildung und Einkommen eher Zugang zu den erweiterten Informationspotentialen haben (information rich), und andererseits denjenigen, die sozial benachteiligt sind und daher auch weniger Zugang erhalten (information poor), entgegenzuwirken. Dieses läßt sich analog auch auf die internationale Bühne übertragen. Denn hier besteht - stärker noch als innerhalb Europas - die Gefahr, daß der industrialisierte und technologisch fortgeschrittene Norden und der ärmere Süden auseinanderdriften.

[Technischer Hinweis: Die Druckfassung des Policy Paper enthält zusätzlich zu diesem Text zwei Tabellen und vier Schaubilder mit Hintergrundinformationen.]

Autor:

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange, Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts e.V. in Düsseldorf.

Mitunterzeichner:
Prof. Dr. Dieter Baake, Professor an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld.
Prof. Dr. Jo Groebel, Professor am Department of Mass Communications der Universität Utrecht.
Prof. Dr. Otfried Jarren, Direktor des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

Mit freundlicher Erlaubnis der
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(c) Stiftung Entwicklung und Frieden, März 1999

Die Stiftung Entwicklung und Frieden wurde 1986 als eine gemeinnützige und überparteiliche Organisation gegründet. Gründungsvorsitzender war Willy Brandt. Die Arbeit der Stiftung beruht auf drei Prinzipien: globale Verantwortung, interdisziplinäre Sicht und überparteilicher Dialog. In der Reihe Policy Paper nehmen namhafte Experten Stellung zu drängenden Fragen der Weltentwicklung. Auch damit will die Stiftung Entwicklung und Frieden sich intensiv an der politischen Diskussion über globale Themen beteiligen und politische Handlungsempfehlungen geben. Die Policy Papers erscheinen in unregelmäßiger Reihenfolge.